Erste Eindrücke im Blindenzentrum in Puno
Neben mir auf der niedrigen Mauer des Blindenzentrums sitzt Christina, eine weitere Volontärin aus Deutschland. Voller Neugier und Enthusiasmus erwarten wir das uns noch unbekannte Morgenritual. Mit uns im Innenhof der Blindenschule befinden sich die ersten fünf Kinder, deren Angehörige, Direktor Henry Pino Diaz und die Lehrerin Gladys. Die Kinder, alles Jungen, werden aufgefordert, sich in Reih und Glied aufzustellen und den Anweisungen der Lehrerschaft zuzuhören. Nach der Begrüssung wird gemeinsam gebetet und für den heutigen schönen Tag gedankt. Dann hält Direktor Henry eine Rede, benennt die Änderungen der Schule, erklärt, welche Lehrerin welche Klasse übernimmt und stellt uns Volontäre vor. Danach stehen alle auf und singen aus voller Brust die peruanische Nationalhymne. Dann löst sich die bunt gemischte Runde auf, und die Kinder werden in ihre Klassenräume geführt.
Es ist Montag Morgen, 24. März um 09.00 Uhr, und mein Einsatz als Freiwilligenarbeiterin im Blindenzentrum „Nuestra Señora de Copacabana“ im Stadtteil Chejoña in Puno beginnt. Heute ist der erste offizielle Schultag, obwohl von den erwarteten 30 Kindern mit einer Sehbeeinträchtigung im Alter zwischen 5 und 18 Jahren erst einmal acht erschienen sind. Der Rhythmus und die Organisation hier in Peru laufen anders, gemächlich und mit eigener Logik, für uns Europäer im ersten Moment schwierig nachzuvollziehen.
Mein erster vereinbarter Arbeitstag liegt bereits drei Wochen zurück. Damals erschien ich voller Elan im Zentrum, fand jedoch nur leere und halb zu Ende gemalte Räume vor. Man erklärte mir, dass die blinden und sehbeeinträchtigten Kinder vor allem aus armen Campesinosfamilien stammen, die teilweise Dutzende von Kilometern entfernt in abgelegenen Gegenden wohnen. Deshalb dauere es einige Wochen, bis sich alle Kinder wieder in der Blindenschule einfänden. Zudem erschwere sich die Situation, da vor allem auf dem Lande blinden Kindern wenig Leistungsfähigkeit zugesprochen wird, und sie somit zu Hause bleiben und auf dem Hof mithelfen müssen.
Inzwischen befinden sich im Schulzimmer von Lehrerin Mirjam die vier jüngsten Jungen, die neu eingetreten sind. In der Unterrichtsstunde werden geometrische Figuren wie Dreieck, Viereck und Kreis behandelt. Nebenan unterrichtet Lehrerin Gladys die 3. bis 4. Klasse. Zurzeit versuchen Edison und Pedro, beide mit einer Sehbeeinträchtigung, ihre Gedanken zur vergangenen Osterwoche, der „semana santa“, in unterschiedlicher Schriftgrösse auf Papier zu bringen.
Seit Mai 2006 erhält das Blindenzentrum Unterstützung durch viSozial. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, den blinden, sehbeeinträchtigten und benachteiligten Kindern in der Region Puno am Titicacasee gezielt zu helfen. In vielen kleinen Schritten wird versucht, die Lebenssituation der Betroffenen dort zu verbessern und ihnen eine Perspektive zu bieten. ViSozial versucht, durch Patenschaftsbeiträge, Spendengelder und Freiwilligenarbeit Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Die Kinder erlernen, vor allem durch das unermüdliche Engagement der LehrerInnen, handwerkliche Fähigkeiten und werden so auf ein späteres Berufs- und Alltagsleben vorbereitet.
Mittlerweile ist es 12.45 Uhr, der Unterricht ist beendet, und die Kinder gehen in den oberen Stock, um im Speisesaal ihr Mittagessen einzunehmen. Für uns Volontäre ist unser erster Arbeitstag beendet. Wir haben bereits mit der Lehrerschaft und den anwesenden Kindern Bekanntschaft geschlossen und erste eindrückliche Erfahrungen gesammelt. Nun freuen wir uns darauf, wenn der „normale“ Schulbetrieb so richtig angelaufen ist und wir bald möglichst tatkräftig Unterstützung leisten können.
Erste Eindrücke von Jeannine Gasperina, Volontärin im Blindenzentrum


