Kinderrechte – Nachdenkliches aus Chile

Marco3_small-150x150 Kinderrechte – Nachdenkliches aus ChileVor einigen Tagen saßen wir – die Betreuer und Volontäre des Kinder- und Jugendzentrums Casa de los Pinos – am runden Tisch in der Küche und tranken einen Kaffee. Dies machen wir eigentlich immer, bevor die Kinder aus der Schule oder dem Kindergarten ins Zentrum kommen und es ist eine gute Gelegenheit, Neuigkeiten auszutauschen und Dinge zu besprechen. Vereinzelt kommen meist Kinder herein, deren Unterricht schon früher beendet ist, und begrüßen uns.

An diesem Tag kam auch der kleine Marco in die Küche und hielt Luis, dem Leiter der Einrichtung, einen Zettel hin, den er im Kindergarten erhalten hatte. Darauf waren Kinder abgebildet und ein Merksatz formuliert. Luis nahm das Blatt und laß laut vor:

„Alle Kinder haben das Recht, in einer Welt des Friedens und der Liebe zu leben.“ Marco gefiel der Satz und er strahlte über das ganze Gesicht. Und dann fügte er hinzu „…und in einer Familie.“ – Ich musste schlucken. Da steht der 4jährige Marco und sagt sinngemäß: „Alle Kinder haben das Recht, in einer Familie zu leben.“

Er bringt damit zum Ausdruck, was im erstem Moment völlig klar erscheint – schließlich wird jedes Kind in eine Familie hineingeboren. Aber wenn man etwas darüber nachdenkt, wird einem bewusst, wie viele Kinder auf der ganzen Welt, in Chile und auch in Deutschland die Situation anders erleben und für wie viele dieses Recht erst eingefordert werden muss.

Mir wurde wieder einmal bewusst, welches Glück ist hatte, in einer heilen Welt aufzuwachsen. Mir fielen die „Schmusestündchen“ ein, in denen sich meine Mutter, nachdem sie mich aus dem Kindergarten abgeholt hatte, eine halbe Stunde Zeit für mich nahm, während mein Bruder noch in der Schule und mein Vater auf Arbeit war.

Die Familien der Kinder, die das Sozialprojekt Casa de los Pinos besuchen, sind alle kaputt, geprägt von Alkohol- und Drogenabhängigkeit, von intrafamiliärer Gewalt und von Arbeitslosigkeit. Auch die Familie von Marco ist davon betroffen.

Das Los Pinos kann für die Kinder kein Familienersatz sein, aber wir können den Kindern zwei Stunden am Tag das Gefühl geben, für sie da zu sein. Und wir können sie in die Arme nehmen und einmal fest drücken, wenn sie uns auf den Schoss klettern oder um den Hals fallen. Zu oft merken wir, dass sich die Kinder nach Streicheleinheiten sehnen. Und wenn sie zu uns Volontären sagen: „Du bist jetzt meine Mama und du mein Papa“, weiß ich nicht, ob es nur dem üblichen Vater-Mutter-Kind-Spiel zuzuordnen ist.

 Kinderrechte – Nachdenkliches aus ChileIch glaube, das Recht auf eine Familie heißt für Kinder vor allem auch Zeit für sie haben; Zeit zum Spielen, Zeit zum Lachen, Zeit zum Schmusen, Zeit zum Zuhören. Dies ist in Chile oft schwierig, weil die Eltern in der Regel den ganzen Tag versuchen, irgendwie Geld zu verdienen und daher tagsüber keine Zeit haben. Deshalb bin ich froh, dass die Kinder ins Los Pinos kommen können.

Und die Kinder in anderen Ländern wie in Deutschland? Natürlich ist es auch da schwierig, angesichts beruflicher Termine und Verpflichtungen Zeit für die Kinder zu haben. Andererseits kann kein Spielzeug, kein Fernseher oder PC ein Familienersatz sein – ein Ersatz für Zeit, die bewusst mit Kindern erlebt wird. Warum schenken wir unseren Kindern, Enkeln, Nichten und Neffen zu Weihnachten nicht einfach mal einen halben Tag Zeit: Zeit zum Spielen, zum Herumalbern und zum Schmusen. Es wird sicherlich ihnen und uns gut tun. Und schließlich haben alle Kinder der Welt das Recht, in einer Familie zu leben.

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