Chile: Diskriminierung im Bildungssystem
Der Süden Santiagos war vor gut 40 Jahren ein grüner Flecken mit Feldern, Wiesen und viel Natur. Mit der Machtübernahme Pinochets änderte sich dies jedoch. Er wollte Santiago zu einer glanzvollen Stadt machen, die ganz Chile repräsentieren sollte. Menschen, die auf der Straße lebten passten nicht in dieses Bild und soo wurden Wellblech- und Holzhäuser für sie in abgelegenen Stadtteilen, wie dem heutigen Puente Alto, errichtet.
Puente Alto ist einer der ärmsten und zugleich größten Stadtteile Santiagos. Die Menschen, die dort leben sind tagtäglich mit gesundheitlichen Problemen, Gewalt, Drogen, und eben auch mit Diskriminierung und sozialer Benachteiligung konfrontiert. Die Gegend um Puente Alto verspricht Arbeitsplätze im Landwirtschaftssektor, die viele Menschen aus dem Norden und Süden Chiles anzieht. Die Menschen hoffen auf eine höhere Lebensqualität und bessere Arbeitsmöglichkeiten, um sich und ihren Angehörigen eine bessere Zukunft bieten zu können.
Die Menschen in Puente Alto leben ein Leben am Rande der Gesellschaft. Die gehobene Mittelschicht und die Oberschicht wollen mit ihnen wenig zu tun haben und umgekehrt. Für die Meisten ist ein Leben außerhalb von Puente Alto ein Traum der nicht verwirklicht werden kann. Die Wenigsten schaffen es, den Kreis zu durchbrechen und das liegt vor allem auch am Bildungssytem, das die Unterschiede noch schürt.
In Chile gibt es drei verschiedene Schulformen. „Colegios particulares“ (=Privatschule), die „Colegios subvencionados“ (werden zur Hälfte vom Staat gefördert) und die „Colegios publicos“, öffentliche Schulen für die der Staat komplett aufkommt. Die Kinder der gehobenen Gesellschaft besuchen die Privatschulen, in denen das Niveau dem hohen Preis entsprechend gut ist. Die meisten Kinder aus Puente Alto erhalten ihre Schulbildung an öffentlichen Schulen. Dort sind die Klassen meistens überfüllt, nicht selten befinden sich 40 bis 50 Schüler in einem Klassenzimmer. Dementsprechend gering ist auch der Lerneffekt und die Betreuung der Schüler. Da die Bevölkerung Puente Altos überwiegend vom Mindestlohn oder gar unter der Armutsgrenze lebt, kann an den Besuch von Privatschulen nicht gedacht werden. Das Einkommen aus Zeitarbeit, als Straßen- oder Marktverkäufer reicht dafür nicht aus. Zwar erhalten die Kinder die Möglichkeit eines Schulabschlusses, an einen gut bezahlten Job oder gar ans Studieren ist jedoch meist nicht zu denken. Die Zulassungsvorraussetzung für die Universität wird auch mit dem Abschluss an der öffentlichen Schule erfüllt, die Vorbereitung auf das Studieren weicht aber deutlich von dem der anderen beiden Schulformen ab. Die Prozentzahl der Studenten mit einem Schulabschluss an öffentlichen Schulen liegt bei unter fünf Prozent.
Sind es die ärmeren Teile der chilenischen Bevölkerung nicht wert zu studieren oder einen guten Job auszuüben? Man könnte erschüttert annehmen, dass Firmen, Arbeitgeber und Universitäten dieser Meinung sind. Ein Kind aus dem Casa de los Pinos erzählte, dass die Studienpost seines Bruders immer nach Providencia, einem wohlhabenderen Stadtteil Santiagos, zu einem Onkel geschickt werde. Ein Kind kann der Jahrgangsbeste an einer öffentlichen Schule sein, seine Chancen an einer Universität angenommen zu werden sind trotzdem sehr gering. Zwar wird das nicht als Grund für die Nichtaufnahme angegeben, allerdings ist es ein offenes Geheimnis, dass die Nichtaufnahme in der Herkunft begründet liegt.
Zusätzlich zu der Herkunft spielen auch Namen eine große Rolle. Hans, Oliver, Byron, Namen wie diese, sind in ärmeren Regionen Santiagos keine Seltenheit. Eltern ziehen es vor, ihren Kindern in Chile eher untypische, deutsch oder englisch klingende Namen zu geben. Denn kommt zu der Herkunft auch noch ein zu chilenisch klingender Vorname, sinken die Chancen auf einen Arbeitsplatz nochmal gewaltig. Um dem vorzubeugen, wollen die Eltern durch ausgefallene Namensgebung eine europäische Herkunft vortäuschen, um die eigentliche zu verdecken.
Wir im Casa de los Pinos steuern dem Ganzen entgegen. Es wurde eine stetig wachsende Bibliothek eingerichtet, in denen sich die Kinder und Jugendlichen über ein Thema informieren können. Dadurch bieten wir eine weitere Informationsquelle, um sich selbst weiterzubilden. Durch Workshops wie Englisch und Literaturarbeit ermöglichen wir ihnen Neues zu lernen und die behandelten Themen durch Literatur zu vertiefen. Wir passen unsere Workshops auf die aktuellen Bedürfnisse, Interessen und Zukunftsvorstellungen der Kinder an, um ihnen neben der Schule eine weitere Möglichkeit zu geben, sich auf das Berufsleben vorzubereiten. Durch andere Workshops wie Tanzen, Fußball und Zirkus sollen den Jugendlichen Abwechslung geboten werden, aber auch Teamgeist und gegenseitige Toleranz nahe gebracht werden. Wir achten sehr darauf, dass die Rechte der Kinder eingehalten werden und sie sich am Nachmittag in einer Umgebung ohne Benachteiligung und Diskriminierung aufhalten können. Um dies weiterhin erfolgreich durchführen zu können sind wir auf jede Hilfe angewiesen.




