Steinbruch: Canteras Sillar
Arequipa trägt als Spitznamen: die ‘weiße Stadt’, denn viele Gebäude wurden aus dem Sillargestein gebaut. Ihre strahlend weißen Fassaden bilden einen starken Kontrast zum stahlblauen, wolkenlosen Himmel. Aufwändig verzierte Portale schmücken die Kolonialbauten. Die Arequipeños sind sehr stolz auf ihren “Sillar”, wie der weiße Stein hier heißt. Zu Recht, denn außerhalb der Stadt wird man ihn vergebens suchen. Was jedoch selbst viele Arequipeños nicht wissen: Heute wie früher werden die Steine unter unmenschlichsten Bedingungen abgebaut.

Im Steinbruch reflektiert der weiße Stein die Hitze gnadenlos. Nirgendwo ist Schatten. Die vereinzelten, löchrigen Sombreros scheinen schon lange nicht mehr ihren Sinn zu erfüllen, genauso wenig die Sonnenbrillen mit nur einem Glas. Die völlig abgenutzten Sandalen bestehen nur noch aus vereinzelten Riemen und dünner Sohle.
Um die Geschichte des Sillars und “seiner” Arbeiter zu verstehen, müsste man viele Jahre zurückgehen, genau genommen mindestens 100.000 Jahre. Soweit liegt nämlich der letzte Ausbruch des Vulkans Chachani zurück, der sich in der Nähe Arequipas befindet. Die damals ausgetretene Lava bedeckte ein ca. 500 Quadratkilometer großes Areal, lagerte sich in Bodenvertiefungen ab und verwandelte sich im Laufe der Zeit zu einem weißen Gestein, dem Sillar.
Sillar bedeutet “Quader”. Der Stein erhielt seinen Namen vermutlich durch die Form, in der er abgebaut wird. Da die Erdspalten mit dem angereicherten Sillar das gesamte Stadtgebiet durchziehen, gibt es in Arequipa zahlreiche Steinbrüche.
Die Stadt Arequipa wurde erst in der Kolonialzeit, im Jahr 1540, durch die Spanier gegründet und seither prägt der Sillar, der nur in dieser Gegend vorkommt, den typischen arequipeñischen Baustil. Die Verwendung des Sillar wurde im Laufe der Stadtgeschichte immer vielseitiger. Zunächst verwendeten die Architekten den Sillar nur für verschnörkelte Dekorationen der Portale, da der Stein sich sehr gut bearbeiten lässt, aber dennoch dauerhaft ist. Mit einem speziellen Mörtel aus Kalk, Gips, Sand und Zement wurden etwas später dann auch Wände und Mauern aus dem weißen Gestein errichtet. Diese Zusammenstellung war nötig, da der Stein sehr viel Feuchtigkeit aufsaugt. Mit Eiweiß wurde die Haftfestigkeit zusätzlich erhöht. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Sillar auch zum Bau von Gewölben verwendet. 1687 zerstörte ein Erdbeben viele Gebäude in Arequipa. Beim Wiederaufbau wurde der Bau mit Sillar perfektioniert und so erhielt Arequipa seine bis heute einzigartige Architektur.
Über die Jahrhunderte hinweg lässt sich eine so genannte “architektonische Emigration” des Gesteins feststellen: Sillar wird heute vor allem in den so genannten “Pueblos Jóvenes” am Stadtrand verbaut. Dort, wo es keinen Strom, geschweige denn geteerte Straßen mehr gibt.
Während früher nur Wohlhabende ihre Häuser, Kirchen und andere wichtige Gebäude aus Sillar bauen ließen, nutzt heute vor allem die arme Bevölkerung das Gestein. Da der Stein das am häufigsten vorkommende Baumaterial in Arequipa ist, ist er recht günstig und wegen seiner Belastbarkeit sehr beliebt.
Allerdings ist die Bautechnik heute eher praktisch und weniger anspruchsvoll. Unsere Fahrt zum Steinbruch führt uns vorbei an notdürftig zusammengebastelten Sillar-Häusern und sorgfältig aufeinander gestapelten Steinen, die so etwas wie eine Mauer darstellen sollen.
Und dort in den Außenbezirken, ganz im Norden der Stadt, befindet sich auch der Steinbruch Parcha, den wir im Rahmen eines unserer allmonatlichen “Sozialtage” oder auf Sozialtouren besuchen – voll beladen mit Werkzeug, Sombreros, Kleidung, Verbandszeug, Coca und jeder Menge Lebensmittel.
Hier in Parcha arbeiten rund 40 Menschen. Die jüngsten sind 10-jährige Kinder, der Älteste ist 80 Jahre alt und arbeitet immer noch im Steinbruch!
Die Mehrheit der Arbeiter ist uns gegenüber zurückhaltend und abwartend, so als würden sie dem Ganzen noch nicht so richtig trauen. Von einem der ältesten Arbeiter erfahren wir den Grund. Die “Canteros”, wie die Steinbrucharbeiter hier genannt werden, sind es nicht gewohnt, dass sich jemand für sie interessiert. Sie erhalten keinerlei staatliche Unterstützung und nur selten verirrt sich mal ein Politiker zu Wahlkampfzeiten in diese trostlose Gegend, um Versprechen zu machen, die noch nie eingehalten wurden. Dass sich jemand tatsächlich um ihre Bedürfnisse sorgt, ist ihnen völlig fremd.
Dabei sind ihre Bedürfnisse so offensichtlich: Es mangelt bereits an grundlegendsten Dingen. Ohne Arbeitskleidung und mit einfachster Ausrüstung sind die Arbeiter bei ihren 10-stündigen Arbeitstagen kaum gegen die pralle Sonne, den feinen Staub und Unfälle geschützt. Besonders der Staub macht die Arbeit im Steinbruch zu einer Qual. Nur wenige besitzen Brillen als Schutz für die Augen, einen Schutz für Nase und Mund gibt es überhaupt nicht. So behelfen sich die Arbeiter mit Coca, das sie im Mund kauen, um den Staub etwas zu binden. Probleme mit Augen und Atemwegen sind die häufigsten Krankheiten der Arbeiter.
Der Steinbruch ist ein sehr gefährlicher Arbeitsplatz, erzählen sie uns. Schürfwunden und Knochenbrüche sind an der Tagesordnung. Ärztliche Versorgung gibt es nicht und dadurch, dass sie keine Krankenversicherung besitzen, sind Arztbesuche oder gar Krankenhausaufenthalte fast unbezahlbar.
Doch viele haben keine andere Wahl. Nur Vereinzelte besitzen eine abgeschlossene Schulausbildung, die Mehrheit, besonders die ältere Generation, hat noch nicht einmal die Grundschule beendet. Damit sind die beruflichen Perspektiven sehr begrenzt. Viele arbeiten seit ihrer Kindheit in dem Steinbruch – zuerst mit ihren Vätern zusammen, später für sich selbst und ihre eigenen Familien.
Lukrativ ist die Arbeit mit dem Sillar jedoch keineswegs, auch wenn man das aufgrund seiner Beliebtheit vermuten könnte. Ungefähr eine Woche benötigen die Canteros, um mit ihren einfachen Werkzeugen wie Hammer und Meißel einen großen Brocken Gestein zu etwa 100 einzelnen Sillar-Quadern zu verarbeiten. Pro Quader erhalten die Arbeiter im Durchschnitt 1,50 Soles (ca. 0,38 Euro); das macht einen Stundenlohn von weniger als einem Euro. Damit leben die Arbeiter weit unter dem peruanischen Existenzminimum. Das verdiente Geld wird komplett für Lebensmittel benötigt, so dass nichts für die Schulbildung der Kinder übrig bleibt. Also fangen auch diese schon früh an, mit ihren Vätern im Steinbruch zu arbeiten. Ein Teufelskreis, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint.
Doch all das sieht man den Gebäuden im Zentrum mit ihren unschuldig weißen Fassaden nicht an. Für die Besucher und auch die meisten Einwohner ist der Sillar der weiße Stein Arequipas und seine dunkle Seite bleibt ihnen verborgen.
Hier sei noch erwähnt, dass es sich bei dem Projekt ‘Canteras Sillar’ nicht um ein offizielles Projekt von viSozial handelt, doch uns haben die Geschichten der Arbeiter bei unserem ersten Besuch so bewegt, dass wir entschieden, sie ab und zu durch Nahrungsmittel, Medikamente oder Kleidung zu unterstützen. Das Projekt wurde bisher noch nicht aufgenommen, da wir keine nachhaltige Hilfe gewährleisten können. Wir wollen den Menschen in den Canteras Sillar jedoch zeigen, dass jemand für sie da ist und sich für ihre Belange interessiert und sie nicht vergessen wurden.
Wer Interesse an einer Spende für dieses Projekt hat, bitten wir, folgendes Spendenformular auszufüllen.
Bei Fragen kann man gerne Kontakt zu unserer Ansprechpartnerin Nicole in Peru aufnehmen.
